Unsichtbares sichtbar machen (1/19)

Mit dem Körper denken

Ein Interview mit Rike Flämig


Korrekte Bande (KB): Hallo Ulli, stell dich doch mal vor!

Ulli (U): Hallo, ich bin Rike Flämig, einige kennen mich als Ulli von den Jᴇꜱᴜꜱ Fʀᴇᴀᴋꜱ in Kassel oder vom Fʀᴇᴀᴋꜱᴛᴏᴄᴋ oder dort vom DanceFloor im Secret Garden. Seit ich denken kann, liebe ich Farben, Gott und Kunst. Das Pionierdasein, das 1996 mit zur Gründung der Fʀᴇᴀᴋꜱ in Kassel geführt hat, hat mich auch dazu bewogen nach neuen Formen und Formaten zu forschen, wie Kunst und Gott zusammen gehen. Wie hängen künstlerische Prozesse und Spiritualität zusammen? Inwieweit eröffnen ästhetische Prozesse Räume für Tranzendenzoffenheit? Am Himmel sieht man ja schon: Gott ist eine top Lichtdesignerin und bei dem, was mir im Leben überraschend passiert, denke ich oft: Das hat Gott ziemlich gut choreographiert.

KB: Du bezeichnest Dich als „Performerin und Choreographin“. Was machst Du genau?

U: Als Performerin und Choreographin entwickle ich Tanzproduktionen für Theater, Videoinstallationen für Galerien und Tanzfilme, die auf Tanz- und Dokumentarfilm-Festivals zu sehen sind. Ich arbeite an der Schnittstelle von Tanz und Text, Konzeptkunst und Körper, Predigt und Performance. Wenn man Formate nach einer postmodernen Logik entwickelt, geht es nicht so sehr darum, „Situationen darzustellen“ sondern darum „Situationen herzustellen“. Ich denke, die Jᴇꜱᴜꜱ Fʀᴇᴀᴋꜱ passen mit vielen ihrer Formate – z.B. mit dem Fʀᴇᴀᴋꜱᴛᴏᴄᴋ  als Festival oder den Abhängabenden in Clubs und Kulturzentren – zu genau dieser Entwicklung. Damit könnte man radikal weiter experimentieren: Wie kann man in Gottesdiensten (oder in anderen Veranstaltungsformaten) Räume öffnen, Situationen herstellen, in denen sich alle beteiligen und den Flow beeinflussen können und wirklich gemeinsam etwas erleben – und sich vielleicht auch was von Gott her ereignet, womit vorher niemand gerechnet hat. Das ist dann wirklich überraschend, live und performativ.

KB: Deine Kunst ist Arbeit mit dem Körper. Was denkst du, kann mit dem Körper ausgedrückt werden, das sich nicht in Worten oder Bildern sagen lässt? Welche Bedeutung hat es für dich, mit dem Körper zu arbeiten?

U: Ich arbeite mit dem Körper im Verhältnis zum Raum – oft auch im öffentlichen Raum – das spiegelt gut das Individuum im Verhältnis zum Rest der Gesellschaft wieder. Ich arbeite oft auch mit dem Körper als Bild und in meinen Tanzstücken kommen auch viele Textpassagen vor. Ich denke, jedes künstlerische Medium ist für sich genommen besonders und funktioniert wie ein je einzelner Kommunikationskanal. Es gibt ja Menschen, die nehmen ihre Umwelt verstärkt auditiv wahr, andere verarbeiten visuell, wieder andere über Berührung oder über verbale Kommunikation. Wenn man alle Kanäle nutzt, kann man einfach komplexer kommunizieren und es kann von mehr Menschen „gelesen“, verstanden und entschlüsselt werden. Und die verschiedenen „Kanäle“ können schöne und interessante Interaktionen miteinander eingehen.

Das Besondere an der Arbeit mit dem Körper ist, dass man zu einer ganzheitlicheren Wahrnehmung kommt. Die Arbeit mit dem Körper trägt dazu bei, wirklich präsent zu sein und anders, als vielleicht gewohnt, mit mir selbst, anderen und meiner Umwelt Kontakt aufzunehmen. Gott stellt sich Mose vor als „Ich bin da – ich ereigne mich“. Gott ist sehr dynamisch und präsent. Dynamik und Präsenz sind mit dem Körper gut erfahrbar. Und die verschiedenen Aspekte des Menschseins – Körper, Geist und Seele – stehen angemessen miteinander im Verhältnis. Das macht das Leben lebendig und auch froh.

KB: Auf dem Wɪʟʟᴏ 2015 hast du zu einer Performance zum Thema Flucht, Separierung und Versöhnung eingeladen. Was ist da passiert?

U: Gemeinsam mit meinen Freunden Rik Zutphen (Skinfiltr8r) und Geerard Labour haben wir überlegt: wie können wir das damals immer aktueller werdende Thema Flucht, EU-Außengrenzen und die vielen Toten im Mittelmeer aufgreifen? Die Frage war auch –  wie kann man das angemessen gestalten? Ein Teil des Abends hatte ja auch was von einer symbolischen Beerdigung oder einem Erinnerungsakt – wo viele Namen der Toten gelesen wurden. Ein künstlerischer Rahmen kann dazu beitragen, etwas sichtbar und erfahrbar zu machen, wofür einem die Worte fehlen. Das ist ja auch die Funktion von Ritualen. Und wir haben sozusagen versucht, ein Ritual zu erfinden, wo wir der Toten gedenken und damit auf das Unrecht an den EU-Außengrenzen hinweisen.

So eine Grenze ist ja sehr abstrakt, vor allem wenn man innerhalb der EU lebt und auch davon profitiert. Indem wir den Raum mit vielen aufeinander gestapelten Stühlen in zwei voneinander getrennte Räume geteilt haben, war für kurze Zeit und zumindest im Ansatz unmittelbar erlebbar, was es bedeuten kann, wenn man durch eine Grenze keinen Zugang hat und zum Beispiel von seinen Liebsten getrennt ist. Kunst kann durch eine Verschiebung der gewohnten Wahrnehmung Irritationen hervorrufen – und dann auch ein anderes Nachdenken auslösen und neue Erkenntnisse ermöglichen.

Wir haben das Ganze ja dann weiterentwickelt und als Schuldbekenntnis und Zeichen der Versöhnung zunächst Abendmahl gefeiert, uns durch die Mauer aus Stühlen hindurch Brot und Wein gereicht und dann in einer Symbolhandlung gemeinsam die Stuhlmauer abgebaut. Das war ähnlich wie in einer Zeichenhandlung der alttestamentlichen Propheten, die oft eine Kritik an der Gegenwart oder eine Zukunftsvision anhand ihres Körpers verbildlicht haben und damit erlebbar umgesetzt haben.

Die Symbolhandlung war im Mai 2015 – und ab Juli 2015 haben wir erlebt, dass sehr viele geflüchtete Menschen zu uns nach Deutschland kamen. Es hat mich bewegt, dass wir mit einer kollektiven Symbolhandlung schon mal die Grenzen aufgemacht haben – und später ist genau das im größeren Stil passiert. Vielleicht hat Gott da auch etwas in unseren Herzen und in uns als Bewegung vorbereitet an Bereitschaft, Menschen offen willkommen zu heissen.

KB: Inwieweit geht es bei deiner Kunst um Wahrheit? Gibt es Wahrheit in der Kunst? Wie passen Kunst und Wahrheit zusammen?

U: Was ist Wahrheit? Das hat ja schon Pontius Pilatus gefragt und sich die Hände in Unschuld gewaschen? In meiner Kunst geht es nicht um Wahrheit, sondern eher um Wirklichkeit. Um ein Sichtbarmachen von Unsichtbarem – von Gottes Wirklichkeit und von Realitäten, vor denen man gern auch mal die Augen verschließt. In meiner Kunst geht es mir darum, marginalisierte Perspektiven sichtbar und hörbar zu machen – jenseits von Klischees, Ideologien und dominanten Narrativen. Auch meine eigene Geschichte als Frau und Ossi zu erzählen, Bündnisse und Kollaborationen mit anderen einzugehen, über die die Medien oft „einseitige Wahrheiten“ berichten, und die selten selbst zu Wort kommen.
Um mal was aus meiner vielgeliebten und pinkneongelblilablau markierten und durchlöcherten Bibel zu zitieren: „Das was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt […] und das Geringe […] und das Verachtete hat Gott erwählt“ (1. Kor 1, 27f) – oder wie Maria betet: „Du stößt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ (Lukas 1,52). Mit Kunst kann man im Sinne dieser „Umwertung der Werte“ schon mal spaßeshalber und zumindest temporär die Welt auf den Kopf stellen und die Dinge andersrum behaupten. Insofern ist die Kunst auch ein gutes Übungsfeld und eine geeignete Spielwiese für ein wenig „Himmel auf Erden“. Das ist ja auch eine Realität, auf die ich baue und von der meine Inspiration kommt.


Rike Flämig stammt aus Leipzig und ist eine darstellende Künstlerin und Choreographin in Berlin. Sie entwickelt ortsbezogene Arbeiten mit ihrem Körper.

www.rikeflaemig.de


Interview: Jaana Espenlaub


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Photo: www.rikeflaemig.de

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