Wahrheitsfähig werden (1/19)

Was, wenn das Gegenteil von Wahrheit nicht Lüge oder Irrtum wäre, sondern Verdrängung?


„Pure Vernunft darf niemals siegen
Wir brauchen dringend neue Lügen
Die uns durch’s Universum leiten
Und uns das Fest der Welt bereiten
Die das Delirium erzwingen
Und uns in schönsten Schlummer singen
Die uns vor stumpfer Wahrheit warnen
Und tiefer Qualen sich erbarmen
Die uns in Bambuskörben wiegen
Pure Vernunft darf niemals siegen
(Tocotronic – Pure Vernunft darf niemals siegen)


Mit einem Gefängnisseelsorger auf Wahrheitssuche

Man sollte meinen, das Ziel seiner Arbeit wäre es einfach, Menschen soweit zu begleiten, dass sie sich der Wahrheit ihres Lebens stellen können, dass sie sich der Auswirkungen ihrer Taten bewusst werden, sich mit dem konfrontieren, was sie geworden sind, vielleicht um Reue und Veränderung zu ermöglichen. Läuterung, einen Neuanfang – so etwas würde man wohl erhoffen.

Gerhard Ding ist Gefängnisseelsorger und er beschäftigt sich beruflich mit den Abgründen der Menschen. Seit 10 Jahren ist er täglich mit den Seiten des Lebens konfrontiert, mit denen sich keiner gern beschäftigt und die sich auch nicht für eine „Outlaw“-Romantik eignen: einer erschlug im Streit seinen Freund mit einem Hammer, einer ließ Kinderpornos mit seiner kleinen Tochter anfertigen, andere wiederum fuhren einfach nur schwarz im Nahverkehr, waren aber psychisch nicht in der Lage, eine einfache Rechnung zu zahlen.

Von seiner Arbeit berichtet Gerhard Ding, dass all die christlichen Wörter, die so fern und problematisch wirkten – wie etwa Gericht, Sünde und Vergebung  – plötzlich in einem ganz anderen Licht erschienen. Nicht mehr fern, nicht mehr mittelalterlich.

Vielleicht ist ja „Wahrheit“ auch so ein Wort. Was würde es bedeuten, wenn wir über Wahrheit nachdenken mit den Augen eines Gefängnisseelsorgers? Wenn es also um die Wahrheit eines Lebens geht und nicht nur um die Wahrheit von Sätzen, über die man sich streiten kann?

Denn viel zu oft denken wir Wahrheit im Sinne eines Besitzes: man hat die Wahrheit, die Wahrheit „steht in der Bibel“ und man kann sie sich zu eigen machen. Man hat dann Zugriff auf die Wahrheit wie auf seine Habseligkeiten. Das führt dann zu einer ätzenden Rechthaberei von Menschen, die sich um die Wahrheit mancher Sätze mit der Unerbittlichkeit eines Erbstreites zoffen. Und viele Leute haben heute nicht mehr so richtig Lust auf solche Wahrheitskämpfe, auf das Verbohrte und Bornierte darin.

Doch, was, wenn dies nicht der primäre Sinn des Wortes „Wahrheit“ sein muss? Was, wenn Wahrheit sogar noch gefährlicher wäre als das?Was, wenn das Gegenteil von „Wahrheit“ nicht „Lüge“ oder „Irrtum“ wäre, sondern Verdrängung?


Filter, Decken, Feigenblätter – Warum wir der Wahrheit nicht ins Gesicht schauen können

Wahrheit ist die Summe dessen, was wiederkehrt, wenn man es verdrängt, es ist das, was sich irgendwie im Leben oder in der Welt zeigen wird, und zwar auch dann, wenn man beschließt nicht daran zu denken. So in etwa könnte der psychoanalytische Begriff von Wahrheit zusammengefasst werden. Jemand kann sich vielleicht einreden, er habe kein Problem mit Alkohol und kann auch immer wieder sagen: „Alles in Ordnung! Ich habe es unter Kontrolle!“, aber manchmal stimmt das eben nicht. Das wird sich dann irgendwo zeigen – es wird Symptome der verdrängten Wahrheit geben.

Jemand anderes kann sich einreden „Ich bin über sie/über ihn hinweg!“, doch der Liebeskummer wirkt noch fort und zeigt sich an der einen oder der anderen Stelle.

Hier merkt man sofort: man kommt auf einen anderen, nicht unbedingt angenehmen Begriff von Wahrheit. Das, was „zu viel“ ist, um es zu verarbeiten, das, was irgendwie schmerzhaft ist, was weiter auf unser Leben einwirkt, selbst wenn wir es nicht bedenken wollen. Und wie unbarmherzig wäre es, andere Menschen andauernd auf diese wunden Punkte zu stoßen? Vielleicht brauchen wir auch manchmal eine Spur Verdrängung? Eine Psychologin hielt neulich einen Vortrag über Reue. Sie sagte, echte Reue sei sehr selten. Denn echte Reue stellt das gesamte Selbstbild einer Person in Frage, sie kann sogar das gesamte Selbstvertrauen und den Mut sich überhaupt mit der Welt auseinander zu setzen, in Mitleidenschaft ziehen. Für echte Reue braucht es sehr große persönliche Stärke. Dagegen erlebt man viel häufiger „self-blaming“, eine Art Selbstmitleid, wo man ganz global darüber klagt, was für ein schlechter Mensch man doch sei. Dieses „Self-Blaming“ wiederum hat mit Reue nichts zu tun. Je mehr „Schuldbewußtsein“ in diesem niederschmetternden Sinne, desto schwieriger wird es, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Das bestätigt auch Gerhard Ding: es ist nicht so, dass er sich dafür zuständig sähe, die Menschen zur Reue zu führen. Das kann er nicht. Es wäre vermessen zu meinen, man könnte dafür sorgen, dass Menschen sich mit der Wahrheit ihres Lebens beschäftigen. Dafür steht zu viel auf dem Spiel: das ganze Selbstbild könnte ausgelöscht werden. Und die Verdrängungsmaßnahmen funktionieren in der Regel zu gut dafür. So eine Einsicht kann man nicht erwirken, sie muss sich einstellen, muss sich ereignen.

So ist es sein Job, mit den Menschen auszuhalten, dass sie sich gerade nicht in der ganzen Tiefe ihren Taten stellen können, und zu zeigen, dass sie dennoch nicht gottverlassen sind.


Wahrheit, die frei macht

Denn so ganz stimmt es ja nicht, dass die Wahrheit einfach nur das Unangenehme in unserem Leben wäre. Es stimmt: die Wahrheit, das ist theologisch etwas, was wir uns nicht selbst sagen können. Die Wahrheit ist etwas, dass sich in unserem Leben ereignen muss. Die Frage nach der Wahrheit ist – so der Theologe Ingolf Dalferth – „die Frage nach dem, was ein menschliches Leben – jedes einzelne menschliche Leben auf je seine Weise – trotz aller Dürftigkeit, Unzulänglichkeit, Beschädigung, Falschheit und Verworrenheit wahr und gut und recht macht.” (Dalferth, Ingolf, Transzendenz und Säkulare Welt, S. 44).

Die Wahrheit, die Christus verkörpert, ist Gottes Zuwendung zu uns als Menschen. Und diese Zuwendung spaltet uns: sie spaltet uns in den Menschen, der wir vor Gott sind – nackt und geliebt zugleich, bedürftig und beschenkt – und in unsere mal mehr und mal weniger geglückten Versuche, aus uns und unserem Leben etwas zu machen. Aus dieser Zuwendung Gottes zu uns ergibt sich eine Konsequenz: Es gibt einen Ort, an dem wir nicht auf dem Spiel stehen. Es gibt einen Ort, wo es nicht mehr um die Pflege unseres Selbstbildes geht: in unserem Sein vor Gott. Gerade, weil wir nichts tun konnten, um Gott als sein geliebtes Geschöpf zu gefallen, gibt es auch nichts, was wir tun können, um diese Zuwendung Gottes zu uns zu verwirken.

Das macht frei. Frei wovon? Frei von den Lebenslügen, die man manchmal aufbaut, um sein Selbstbild zu schützen. Frei von der Angst vor einer Wahrheit, die einen zerstören könnte. Frei wozu? Frei dazu, durchzuatmen und dann umzudenken. Frei dazu, sich aus den zerstörerischen und selbstzerstörerischen Mustern zu lösen. Und frei dazu, am eigenen Lebenswandel und am Zustand der Welt etwas zu ändern – nicht aus Angst vor der eigenen Verdammnis, aus der Suche nach einem Sinn im Leben oder aus einem Retterkomplex heraus, sondern als bescheidene Antwort auf Gottes gnädige Zuwendung. Deshalb wird betont: Reue, Umkehr, der Mut, unsere Fehler einzusehen, und mancher Wahrheit ins Auge zu schauen: all das ist nicht die Voraussetzung von Gottes Zuwendung, sondern eine Folge davon.

Politische Auswirkungen

Nun schien es so, dass hier vor allem das ganz Persönliche betrachtet wurde: unsere eigenen, intimen Lebenslügen: die Punkte, an denen wir persönlich uns etwas vormachen. Doch, wenn uns Christus frei macht, “wahrheitsfähig” zu werden – also der Wahrheit über uns ebenso wie der befreienden Gnade Gottes ins Auge zu schauen –  dann hat das auch Auswirkungen auf unser gesellschaftlich-politisches Leben. Es kommt nicht von ungefähr, dass es gerade in den politischen und journalistischen Debatten so viel um “Fake News”- Vorwürfe und “alternative Fakten” geht. Nicht zuletzt die Leugnung des menschengemachten Klimawandels ist hier als Beispiel zu nennen. Doch dieser oben genannte indirekte Ansatz, nach der Wahrheit und der Verdrängung zu fragen, kann hier sogar hilfreich sein. Warum ist es denn so, dass Menschen vielleicht ein Interesse daran haben, die Fakten um den Klimawandel auszublenden? Vielleicht wissen sie um die eigene Verstrickung in ein System, das die Erde kaputt macht? Vielleicht wollen sie nicht ihr Leben ändern?   Auch hier – im Politischen – gilt: Wahrheit ist das, was sich zeigen wird, selbst wenn man es verdrängt. Auch der Klimawandel wird sich zeigen. Möglicherweise in Migrationsbewegungen oder Missernten. Und auch hier gilt: die Möglichkeit sich der Wahrheit zu stellen, kollidiert manchmal mit dem Wunsch, (kollektive) Selbstbilder aufrecht zu erhalten. Doch auch im politischen Bereich gilt: es reicht nicht, die Menschen mit Wahrheiten und Fakten zu konfrontieren, wenn sich die Menschen in ihren Lebenslügen eingerichtet haben. Aber, was ein Beitrag der Kirchen und Gemeinden sein kann: sie können einen Ort schaffen, wo Menschen “wahrheitsfähig” werden können. Indem wir Zeugnis davon ablegen, dass Gott sich uns trotz unserer selbst gewählten Verblendungen und Lebenslügen zugewandt hat, und indem wir zeigen, dass Menschen, denen das – immer wieder neu – klar wird, der Mut erwächst, sich mit der Wahrheit ihres Lebens oder ihrer Welt auseinander zu setzen.


Arne Bachmann ist Studienleiter eines internationalen und ökumenischen Wohnheims in Heidelberg, wo er auch über das Thema der Gastfreundschaft promoviert. Auf dem Freakstock ist er gern am Secret Garden anzutreffen.


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Photo by Elijah O’Donnell on Unsplash

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