Ein großes Herz (1/2020)

Vom christlichen Dorf ins versiffte Berlin

Wenn mich jemand fragt, ob ich christlich aufgewachsen bin, dann antworte ich meistens: „Nicht in einem christlichen Elternhaus, aber in einem christlichen Dorf.“ Hermannsburg, seit Jahrhunderten geprägt durch sein evangelisches Missionswerk, beglückte mich in allen meinen Schulklassen mit einem Drittel Missionarskinder, einem selbstverständlichen Glauben und einer lebendigen Arbeit im CVJM – welcher mich letztlich auch zu meiner ersten Jesus-Freaks-Gemeinde nach Celle brachte.

Tatsächlich erinnere ich mich, dass einer meiner ersten und größten frommen Wünsche der war, „Platz für alle in meinem Herz zu haben.“ Und wenn ich für diesen Artikel darüber nachdenke, woran ich eigentlich noch glaube, dann steht dieser Wunsch nach wie vor ganz weit oben. Ist das nicht naiv? Mein kleiner Mädchentraum, den ich seit etwa zwanzig Jahren mit mir rumschleppe? Ehrlich gesagt habe ich das Gefühl in Zeiten von AfD, Klimanotstand und Kita-Krise ist dieser Wunsch angebrachter denn je. Und zwanzig Jahre später gar nicht mal leichter umzusetzen als zu meinen Jugendzeiten. War da mein Herz noch größer, weiter, unverletzter? Unverletzter mit Sicherheit, aber ich hoffe an Weite hat es nichts eingebüßt, sondern in den letzten Jahren erfahren dürfen, dass Gott immer noch das Talent hat, Scheiße glitzern zu lassen.

Seit zwölf Jahren lebe ich in Berlin – versiffter und konfettireicher geht es wohl kaum. Hier kann ich das „Platz für alle in meinem Herz haben“ tagtäglich üben. Manchmal heißt das ein Lächeln zu geben, manchmal den Weg zu erklären, manchmal den Kinderwagen die Treppen mit hoch zu tragen, manchmal den “Straßenfeger” zu kaufen und manchmal einfach die Fresse zu halten.

Das hab ich für mich definitiv gelernt die letzten Jahre: Ich bin großer Fan vom „Glauben leben“ durch mein Sein. Taten und Worte ergeben sich da, ohne jemanden belehren und missionieren zu müssen; bei Bekehrungsaufrufen erschrecke ich eher.

Aber hey, jede:r, wie sie:er es mag! Noch so eine Sache, die ich gelernt habe: Was für mich passt, muss für meinen Mann noch lange nicht passen, und was meiner Freundin gut tut, turnt mich vielleicht voll ab. Wayne! Wie sagen wir so gern? „Einheit in Vielfalt“ und „Uns verbindet mehr als uns trennt“. Amen dazu! Ich bin Jesus echt dankbar, dass Er größer als alle meine Ideen und Vorstellungen ist, dass ich nicht versuchen muss, Ihn klein zu machen, um irgendwo für mich reinzupassen, sondern dass Er Universum und Schmetterling zugleich ist und so immer wieder Wege findet, um Platz für Ihn und alle in meinem Herzen zu machen.


Vanessa gehört zu Team Jess, Team salzig, Team Strand. Wortwitze zählen nicht zu ihren Stärken.


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Photo by Robby McCullough on Unsplash

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