Wir werden leben (4/2020)

Im Gedenken an Roland Torka (*1985 †2021)
Roland schrieb diesen Artikel unter dem Titel “Coronakrise als Chance und Neuanfang. Ein persönlicher Erfahrungsbericht” für unsere letzte Ausgabe “Alles neu” (Januar 2021). Er verstarb im Mai 2021 an einem akuten Herzinfarkt. Wir sind dankbar für die gemeinsame Zeit und trauern mit seiner Familie und allen, die ihm nahe standen.


“Ich aber bin gekommen, um ihnen Leben zu bringen – Leben in ganzer Fülle.” (Johannes 10,10)

2020 ist ein denkwürdiges Jahr. Ein Jahr voller Höhen und Tiefen. Viele Frustrationen und viele Ernüchterungen und auch viele Momente der Freude. 

In der Corona-Zeit habe ich die Stille wirklich kennen und lieben gelernt. Ich habe gelernt, die Stille zu hassen. Mit mir selbst umzugehen. Nicht vor den eigenen Problemen davonzulaufen und auch nicht eine Scheinwelt aufzubauen, indem man einfach nur Spaß hat, als ob alles gut wäre. Ich habe gelernt, einen gebührenden Abstand zu guten Freunden zu halten, die plötzlich weit weg waren, dass man sich nicht mehr umarmen sollte oder dass man sich nicht mehr sehen sollte. In gleicher Weise hat diese Situation auch Fremde zu Freunden gemacht, weil sie selbst einsam sind, weil sie selbst nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Identitätskrise durch die Corona-Krise. 

Corona zeigte viele Dinge, die im Verborgenen lagen, Einsamkeit, menschliche Kälte, Distanz, Angst in einer überfüllten und überbevölkerten Gesellschaft mit Toilettenpapier hortenden Verrückten, die die Distanz nicht zu schätzen wussten und für die das Tragen der Maske wie eine Diktatur der Rede- und Bewegungsfreiheit erscheinen muss. Ein vom Staat diktierter Maske stößt eben auf viel Unverständnis und das menschliche Ego verteidigt sich dagegen zum Wohle der Allgemeinheit. Der Mundschutz ist eine einfache, aber zumindest einigermaßen wirksame Methode, Nächstenliebe zu zeigen. Er dient dazu, die andere Person, die direkt vor mir steht oder geht, vor der Übertragung dieser Krankheit zu schützen. Es ist mir klar geworden, wie nah Nächstenliebe sein kann. Wie weit und doch so nah ein Mensch sein kann, den man kaum kannte. Ein Mensch wird wichtig. Man bittet auch die Nachbarn um Hilfe, man läutet die Glocke und hält zusammen. Man macht Besorgungen und Einkäufe für ältere oder sogar kranke Menschen. Ich nehme den Hörer ab und rufe öfter an. Auch wenn ich Zoom nicht mag, ist es trotz aller datenschutzrechtlichen Probleme und Bedenken eine Alternative, reale Treffen im virtuellen Raum zu ermöglichen. 

Man lernt neue Leute viel leichter kennen. Die sozialen Medien haben eine neue Bedeutung. In diesen Zeiten ist es noch einfacher, Menschen zu erreichen. Gott sei Dank haben wir die technischen Möglichkeiten, uns zu verbinden und miteinander zu sprechen. Hätte Corona vor 50 Jahren oder während der Spanischen Grippe stattgefunden, wäre es unmöglich gewesen, den Gesundheitszustand eines geliebten Menschen schnell herauszufinden. Gott ist global. Deshalb können wir Christen beten, konferieren, eins werden, uns austauschen und handeln und einen Unterschied machen, entweder in einem stillen Kämmerlein oder offen auf der Weltbühne. Gott ist digital. Gott ist global. Gott ist unendlich. Gott ist nahe und kann erfahren werden. Ich habe auch Dankbarkeit in der Stille gelernt. Genügsamkeit. Mit dem Wenigen auszukommen. Corona reduziert zumindest bei vielen Menschen die Denkweise in ein Schwarz und ein Weiß. Aber es gibt viele Grauschattierungen. Gott sucht denjenigen, der mit kleinen Dingen dankbar ist, um ihm größere Dinge anzuvertrauen.

Ich bin dankbar geworden, dass ich etwas zu essen habe, dass mir Arbeit zur Verfügung gestellt wird oder dass ich in einer Versicherung sein kann. Ich bin dankbar, dass ich mich in Geduld üben kann. Ich bin dankbar, in Stille auszuruhen, Kraft zu tanken und Gott als meinem Vater nahe zu sein. 

Gott hat mir die Augen geöffnet für das reiche Land, in dem wir leben, und doch sollten wir viele Dinge schätzen lernen. Undankbarkeit ist ein Dämon und beschämend. Gottes Liebe zeigt sich in so vielen Dingen, z.B. dass wir immer mit Toilettenpapier versorgt werden oder dass wir Informationen über das Internet austauschen können. Warum horten wir wie die Verrückten und warum konsumieren wir nur? Warum bedanken wir uns nicht bei unseren Mitmenschen, die ihr Bestes tun, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen? Ein Dankeschön ist so einfach. Eine Bitte zeigt Respekt und Fürsorge, und Fehler einzugestehen, wenn man ungeduldig vorangetrieben hat, und sich dann zu entschuldigen, zeigt wahre Größe. 

Ich habe gelernt, Schwäche zu zeigen, Hilfe zu bekommen und dankbar zu sein. Dieses Jahr hatte ich die tiefste Sinnkrise seit 2009. Aus Einsamkeit, weil ich selbst in Gefahr war, auszubrennen, habe ich mir professionelle Hilfe geholt und auch präventiv die Psychologin meines Vertrauens aufgesucht, damit ich nicht wieder in einen Burnout abrutsche und mein Leben wieder in Ordnung bringen kann. Für viele sind Depressionen und auch Entfremdung ein Begleiter in der Corona-Zeit. Aber man kann sich Hilfe holen. Gottes Wort und Gottes Liebe sind die beste Medizin. Der Glaube hat mir geholfen, durchzuhalten und auch demütig zu bleiben. 

Corona hat gezeigt, wie endlich  das Leben sein kann. Man kann in ein Krankenhaus eingeliefert werden und nicht wieder herauskommen. Das haben die Menschen in Italien, Spanien und Indien gezeigt. Nicht nur politische Mäßigung ist gefragt, sondern auch persönliches Handeln. Indem ich in Gottes Wort gegraben habe, habe ich wieder Gleichgewicht gefunden und Balsam für meine Seele erfahren. 

Gott, der liebe Papa, hatte selbst gesagt, dass wir uns für das Leben entscheiden sollten. Das bedeutet auch, jeden Augenblick in Fülle und Dankbarkeit zu leben. Dann wird unser Leben so erfüllend und erstrebenswert sein, dass wir bereits ewiges Leben und Überfluss haben. Ganz gleich, welche Scheiße uns um die Ohren fliegt oder welche Ängste die Medien verbreiten. Wir werden leben. So einfach ist das, und wir sollten uns an den Herausforderungen erfreuen. Halleluja für diese einfachen Einsichten. 

Roland ist dankbar, Teil der Korrekten Bande zu sein, Gedanken austauschen zu dürfen und Teil einer Bewegung zu sein, die einen Unterschied machen wird.


Foto: Erik Kossakowski on Unsplash

1 Kommentar zu „Wir werden leben (4/2020)

  • Danke für diese wertschätzenden Worte und diesen wunderbaren Artikel von Roland. Auch das VOLXBIBEL-Team trauert um ihn. Roland kam vor gut 1,5 Jahren mit in das VOLXBIBEL-Projekt und hat auch dort im Chat, Google-Docs und in Video-Calls wertvollen Input und seine Leidenschaft genial hineingegeben. Er war ein riesen Segen und wir sind so mega krass dankbar für all seine Unterstützung. Umso mehr ist die Trauer und Erschütterung, um seinen Gehen. Aber wir freuen uns auf das Wiedersehen im Himmel. Das ist unser Trost. Danke für eure Wertschätzung für Roland, liebe Freaks!

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